Radfahren zur Diabetesprävention bei Menschen über 50

415 Millionen – und in 20 Jahren werden es schätzungsweise 650 Millionen sein. Hinter diesen Zahlen stecken menschliche Schicksale, denn es geht um Menschen, die von einer bestimmten Krankheit betroffen sind: Diabetes. Laut IDF (International Diabetes Federation) wird 2040 bereits 1 von 10 Erwachsenen an Diabetes leiden. Darüber hinaus beziffert die IDF auch die gewaltigen Folgen dieser Erkrankung auf die Weltwirtschaft: Sie verschlingt etwa 12 % der weltweiten Gesundheitsausgaben (etwa 600 Milliarden €). Aber schauen wir hinter die Zahlen und versuchen wir zu ergründen, was genau Diabetes eigentlich ist und welche Präventionsmaßnahmen es gegen diese Krankheit gibt, die zwar dem Namen nach, nicht jedoch in ihren praktischen Auswirkungen bestens bekannt ist.

Was ist Diabetes mellitus?

Der mensch mag herr seines schicksals sein, aber er ist auch das opfer seines blutzuckers.Wilfrid G. Oakley

Bei Diabetes dreht sich alles um die Glykämie, das natürliche Vorhandensein von Zucker im Blut. Die Erkrankung ist vielgestaltig, hat jedoch eine Gemeinsamkeit: Hyperglykämie, einen zu hohen Blutzuckerspiegel. Dies drückt sich auch im lateinischen Adjektiv „mellitus“ aus, das „honigsüß“ bedeutet. Der Begriff wurde 1675 von dem englischen Arzt Thomas Willis geprägt und bezieht sich auf den süßlichen Geschmack des Blutes und Urins von Diabetikern, ein Merkmal, das schon seit der griechischen Antike bekannt ist.
Bei Gesunden liegt der Blutzuckerspiegel normalerweise zwischen 60 und 99 mg/dl und sinkt nie unter 55-60 mg/dl. Nach einer Mahlzeit kann er je nach dem Kohlenhydratanteil (Zuckeranteil) auf 130-150 mg/dl ansteigen.
Typ-1-Diabetes
Typ-1-Diabetes, früher irrtümlich „jugendlicher Diabetes“ genannt, ist alles andere als selten und macht sich bereits im Kindes- oder Jugendalter (zwischen 2 und 25 Jahren) bemerkbar. Es handelt sich um eine Autoimmunerkrankung: Das Immunsystem zerstört in relativ kurzer Zeit die Insulin-produzierenden Betazellen. Insulin ist ein lebenswichtiges Hormon, das den Blutzuckerspiegel im Körper reguliert und einem zu starken Anstieg des Blutzuckerspiegels entgegenwirkt. Die Erkrankung ist nicht heilbar. Ein Patient, bei dem ein Typ-1-Diabetes diagnostiziert wird, muss für den Rest seines Lebens täglich Insulin spritzen (daher der Begriff „insulinabhängiger Diabetes“ oder „insulinpflichtiger Diabetes“). Die Gründe für den Ausbruch der Erkrankung sind unbekannt, aber da es sich um eine Autoimmunerkrankung handelt, geht man von einer Kombination von genetischen und Umweltfaktoren aus. Zu den Symptomen des Typ-1-Diabetes zählen häufiges und reichliches Wasserlassen, Durst, übermäßiger Hunger sowie plötzlicher unerklärlicher Gewichtsverlust.
Schwangerschaftsdiabetes
Selbst bei einer völlig normal verlaufenden Schwangerschaft behindern einige der Hormone, die in den neun Schwangerschaftsmonaten von der Plazenta gebildet werden, die Wirkung des Insulins. Darauf ist es zurückzuführen, dass eine Frau gegen Ende der Schwangerschaft bei gleicher Kalorienzufuhr dreimal so viel Insulin bildet wie eine Nichtschwangere gleichen Alters. Dies ist ein ganz natürliches Phänomen, das der Körper normalerweise ohne Probleme verkraftet. Bei einigen Frauen mit einer bestimmten genetischen Prädisposition ist die Bauchspeicheldrüse diesem erhöhten Insulinbedarf jedoch nicht gewachsen. Bei diesen Frauen steigt der Blutzuckerspiegel über den normalen Wert hinaus an und es entsteht ein Schwangerschaftsdiabetes. Im Allgemeinen verschwindet dieser am Ende der Schwangerschaft wieder. Die betroffenen Frauen haben jedoch in ihrem späteren Leben ein erhöhtes Risiko, einen Typ-2-Diabetes zu entwickeln. Obwohl ein Schwangerschaftsdiabetes eine vorübergehende Erscheinung ist, kann er zu schwerwiegenden Folgen für Mutter und Kind führen, wenn er nicht erkannt und ordnungsgemäß behandelt wird.

Die Behandlung eines Schwangerschaftsdiabetes besteht im Wesentlichen in einer Diät, die die richtige Kalorienzufuhr für die gesunde Entwicklung des Fötus sicherstellen, den Körper der Mutter auf Geburt und Stillzeit vorbereiten und sie vor Hypo- und Hyperglykämie (also Über- oder Unterzuckerung) schützen soll. Aber auch Bewegung spielt eine wichtige Rolle. Symptome wie übersteigertes Durstgefühl, häufiger Harndrang, Gewichtsverlust, Sehstörungen und eine verstärkte Infektionsneigung (Blasenentzündungen, Pilzinfektionen) gilt es, in den Griff zu bekommen. Durch bestimmte Risikofaktoren wie Übergewicht und familiäre Vorbelastung (Diabetiker unter den Verwandten) steigt die Gefahr eines Schwangerschaftsdiabetes deutlich an.

Typ-2-Diabetes
Diese Diabetesform ist die bei Weitem häufigste (etwa 90 % aller Fälle) und tritt typischerweise erst in reiferem Alter auf. Es gibt zwei Varianten: Bei der einen wird nicht genug Insulin gebildet, um den Bedarf zu decken (verminderte Insulinausschüttung). Bei der anderen kann das ausgeschüttete Insulin nicht richtig wirken (Insulinresistenz). Das Ergebnis ist in beiden Fällen das gleiche: Hyperglykämie, ein zu hoher Blutzuckerspiegel. Bei dieser Diabetesform spricht man von einem nicht-insulinabhängigen Diabetes, da sich die Erkrankten im Gegensatz zum Typ-1-Diabetes nicht unbedingt Insulin spritzen müssen. Ursache der Erkrankung sind in der Regel erbliche und Umweltfaktoren. Detaillierte Studien haben gezeigt, dass es zu einer Vererbung von Risikofaktoren kommt, die noch nicht abschließend geklärt ist und die Anfälligkeit bestimmter Bevölkerungsgruppen oder auch einzelner Familien erhöht.

Neben der erblichen Vorbelastung stehen individuelle Faktoren wie zum Beispiel Übergewicht. Die Körperzellen brauchen Zucker (Glukose) zum Leben. Je mehr Zellen ernährt werden müssen, desto höher der Insulinbedarf. Bei Übergewicht reicht die Insulinproduktion unter Umständen nicht mehr aus. Auch eine sitzende Lebensweise, Stress sowie bestimmte Erkrankungen gehören zu den Umweltfaktoren, die einen Diabetes auslösen können. Umweltfaktoren, die zu einem erhöhten Glukose- und damit Insulinbedarf führen, belasten die Bauchspeicheldrüse. Ist diese aufgrund einer erblichen Prädisposition für Diabetes von vornherein geschwächt, können die entsprechenden Umweltfaktoren den Ausbruch der Krankheit begünstigen. Auch das Alter spielt eine Rolle. Alle Organe sind vom Alterungsprozess betroffen und büßen an Leistungsfähigkeit ein, auch die Bauchspeicheldrüse, die mit fortschreitendem Alter nicht mehr so prompt auf den Insulinbedarf im Körper reagieren kann wie in jungen Jahren.

Klar ist, dass man die individuellen Risikofaktoren, die bestimmte Menschen für einen Typ-2-Diabetes anfälliger machen, auf keinen Fall unterschätzen darf.

Die wichtigsten dieser Risikofaktoren sind:

  • Übergewicht (BMI ab 30 kg/m2)
  • Bewegungsmangel
  • Bluthochdruck (140 mmHg systolisch bzw. 90 mmHg diastolisch oder höher)
  • HDL-Cholesterin (nicht über 35 mg/dl)
  • Triglyceride (250 mg/dl oder höher)

Die Symptome sind in der Regel nicht so ausgeprägt wie bei einem Typ-1-Diabetes und werden daher leicht übersehen, was die Gefahr einer späten Diagnose mit sich bringt.

Einige Symptome sind jedoch typisch für Typ-2-Diabetes: Müdigkeit, häufiger Harndrang auch nachts, ungewöhnlich starker Durst, plötzlicher unerklärlicher Gewichtsverlust sowie Sehstörungen.

Diabetesprävention durch Radfahren: Mission possible

Bei einem Typ-2-Diabetes ist eine Insulintherapie in vielen Fällen nicht notwendig. Ausgewogene Ernährung und Bewegung reichen aus. Die Grundlage einer solchen Typ-2-Diabetestherapie ist eine ausgewogene Ernährung, arm an Fett, aber ohne völligen Verzicht auf Brot, Teigwaren, Reis, Kartoffeln und Obst. Die zweite unverzichtbare Säule der Therapie ist Bewegung, denn diese regt den Glukoseverbrauch in den Muskeln an und trägt dadurch zu einem normalen Blutzuckerspiegel bei. In mehreren Studien konnte gezeigt werden, dass die Zahl der Diabeteserkrankungen durch Sport, ausgewogene Ernährung und häufige Kontrolle des Blutzuckerspiegels erheblich gesenkt werden kann – um bis zu 40 %.

Konstante körperliche Aktivität verbessert, wie viele Wissenschaftler inzwischen bestätigen, die Glukoseaufnahme durch die Zellen und erhöht zugleich die Zahl der Insulinrezeptoren. Insbesondere Radfahren hat sich als eine der besten Sportarten für Diabetiker erwiesen, denn es ist ein kontinuierliches, aerobes Training mit einem sich stetig wiederholenden Bewegungsablauf. Radfahren hilft so gut gegen die Erkrankung, weil dabei 70 % unserer Muskelmasse, nämlich die Muskulatur der unteren Gliedmaßen, aktiviert werden. Und nicht nur das. Radfahren gehört darüber hinaus zu den Sportarten mit mäßigem Verletzungsrisiko und kurzen Regenerationszeiten für die Muskeln. Als weiteren Vorteil gegenüber anderen Disziplinen kann man dabei längere Strecken im Freien zurücklegen.

In einer umfangreichen dänischen Studie, veröffentlicht in der medizinischen Fachpublikation PLOS Medicine, wurden an die 25.000 Männer und 28.000 Frauen zwischen 50 und 65 Jahren untersucht. Die Forscher der Universität von Süddänemark (Syddansk Universitet) überwachten den Gesundheitszustand der Probanden über mehrere Jahre hinweg und sammelten Informationen über ihren Lebensstil, insbesondere ihr Bewegungspensum und ihre Ernährung. Ziel der Studie war es zu zeigen, dass selbst eine einfache körperliche Aktivität wie Radfahren, wenn sie täglich ausgeübt wird, vor Diabetes schützen kann. Die Ergebnisse waren klar: Radfahren reduziert das Diabetesrisiko und je mehr man radelt, desto besser ist man vor der Erkrankung geschützt. Positive Effekte zeigen sich sogar, wenn man erst spät im Leben – jenseits der 50 – damit beginnt. Die Studie ergab, dass Menschen, die das Radfahren erst in fortgeschrittenem Alter für sich entdecken, ihr Diabetesrisiko um (durchschnittlich) 20 % senken können. Die gesundheitsfördernde Wirkung des Radelns zeigte sich unabhängig von sonstigen Risikofaktoren für Diabetes wie zum Beispiel Ernährung oder Gewichtsproblemen.

Das weltweit erste Radteam, das ausschließlich aus Fahrern mit Diabetes besteht.
Worin genau besteht aber nun der Zusammenhang zwischen Radfahren und Diabetesprävention? Typ-2-Diabetes entwickelt sich infolge einer Insulinresistenz, bei der das Insulin seine Wirkung nicht mehr in vollem Umfang entfalten kann. Dies geht auf übermäßige Fetteinlagerungen (Triglyceride) in den Muskelfasern zurück. Muskelfasern erkennen mithilfe eines bestimmten Enzyms, wie viel Energie sie zur Verfügung haben, und senden eine „Botschaft“, wenn sie Nachschub brauchen. Bei Fetteinlagerungen in den Muskelfasern „denkt“ das Enzym, es sei bereits genug Energie vorhanden. Die „Botschaft“ zur Aufnahme von Zucker aus dem Blut unterbleibt und infolgedessen auch der Glukosetransport in den Muskel. Dies kompensiert der Körper zunächst durch die Ausschüttung von mehr Insulin, dem Hormon zur Senkung des Blutzuckerspiegels. Langfristig aber funktioniert dieser Mechanismus nicht, weil die Bauchspeicheldrüse – in der das Insulin produziert wird – nach und nach die Arbeit einstellt. Leichte Bewegung wie Radfahren kann diesen Prozess positiv beeinflussen und sogar umkehren: Beim Radfahren werden die Triglyceride verbrannt, die den Muskelfasern als primäre Energiequelle dienen, insbesondere bei Bewegung von geringer Intensität. Der Glukosetransport in den Muskel setzt wieder ein und der Blutzuckerspiegel sinkt.

Misst ein Diabetiker seinen Blutzuckerspiegel vor und nach einer ordentlichen Radtour, sieht er den Unterschied: Der Blutzuckerspiegel ist gesunken. Aber wie viel – leichte – Bewegung ist nötig, um diese Wirkung zu erzielen? Um es gleich vorwegzunehmen: Man muss es nicht übertreiben. Wenn es um die Senkung des Blutzuckerspiegels geht, ist moderate Bewegung sogar wirksamer als intensive. 30 bis 60 Minuten Radfahren pro Tag reichen aus, um einem Diabetes entgegenzuwirken. Eine Studie in der Publikation „Medicine and Science in Sports and Exercise“ wies nach, dass einstündiges Radfahren in moderatem Tempo den Blutzuckerspiegel bei übergewichtigen Menschen mit Diabetes für die nächsten 24 Stunden halbiert. Auch eine halbe Stunde Radfahren in schnellerem Tempo kann den Blutzuckerspiegel für einen ganzen Tag senken, allerdings nur um 19 %. Und wenn man draußen keine geeigneten und sicheren Radwege vorfindet? Dann fährt man einfach drinnen: Mit einem Fahrradergometer lässt sich genau die gleiche Wirkung erzielen – und man kann pro Monat 1,2 kg Körperfett verlieren, wenn man das Radfahren mit gesunder Ernährung verbindet.

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